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Warme Nachmittagssonne tauchte die Gärten von Weravis in goldenes Licht. Zwischen den ausladenden Baumkronen glitzerte das Wasser der Springbrunnen, Rosen wiegten sich im Wind und steinerne Wasserspeier blickten mit verwitterten Gesichtern über die verschlungenen Wege, als würden sie seit Jahrhunderten über jede Erinnerung und jedes Geheimnis wachen.

„Prinzessin?“, rief eine freundliche Frauenstimme irgendwo zwischen den Hecken. „Wo seid Ihr? Das Mittagessen ist angerichtet.“

Keine Antwort, nur das leise Kichern zweier Kinder, das sich irgendwo hinter den alten Steinfiguren verlor. Die Bedienstete blieb stehen und stemmte kopfschüttelnd die Hände in die Hüften. „Prinzessin Soleya“, versuchte sie es erneut, nun mit gespielter Strenge. „Seine Majestät wartet bereits. Ihr wisst, wie ungeduldig er werden kann.“

Erneut blieb es still.

Schließlich murmelte sie etwas Unverständliches vor sich hin und ging den schmalen Kiesweg an den Rosenbeeten entlang. Erst als ihre Schritte verklungen waren, schob sich hinter einem der großen Wasserspeier vorsichtig ein goldblonder Lockenkopf hervor. Zwei grau-blaue Augen huschten aufmerksam über den Garten, bevor sich ein breites Grinsen auf dem Gesicht des Mädchens ausbreitete. „Sie ist weg“, flüsterte Soleya aufgeregt.

Einen Herzschlag später lugte direkt daneben ein zweiter Kopf hervor. Dunkle Locken, Sommersprossen und ein verschmitztes Lächeln. „Ich hab doch gesagt, sie findet uns nicht.“ Mira griff nach Soleyas Hand und zog sie aus ihrem Versteck. „Jetzt bist du dran! Augen zu!“, befahl sie bestimmt. „Bis dreißig zählen – und nicht schummeln.“

Soleya schob gespielt die Unterlippe vor. „Ich kann sogar bis fünfzig zählen. Ich bin schließlich zwei Jahre älter als du.“

„Na und?“ Mira machte sich so groß, wie sie konnte. „Ich bin acht. Mama sagt immer, das ist schon ziemlich groß.“ Frecher Stolz schwang in ihrer Stimme mit. Sie wirbelte lachend herum und verschwand zwischen den Rosenhecken.

Soleya trat an den kunstvoll verzierten Springbrunnen, legte beide Hände auf den kühlen Stein und schloss die Augen. „Eins … zwei … drei …“ Hinter ihr verklang das Knirschen auf dem Kies, wurde immer ferner und verstummte schließlich. „… achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig.“ Soleya öffnete die Augen. „Ich komme!“ Sie schlich zwischen den Rosen hindurch, spähte über die Hecken und hinter die Steinfiguren. „Ich weiß ganz genau, dass du hier irgendwo bist, Mira.“ Während sie suchend weiterging, ließ sie ihre Fingerspitzen über die samtweichen Rosenblüten gleiten. Mira konnte keine Geheimnisse für sich behalten. Früher oder später verriet sie sich immer selbst. 

Hinter ihr raschelte es sacht im Gebüsch, kaum mehr als ein Streifen durch Blätter und Zweige, sodass sie es beinahe überhört hätte. Soleya drehte sich um und lächelte. Mira machte es ihr heute wirklich viel zu leicht.

Rechts von ihr erklang zwischen den Bäumen ein leises, unterdrücktes Glucksen. Irritiert schaute Soleya noch einmal zum Gebüsch zurück. Komisch. Ein Hauch von Verwirrung huschte über ihr Gesicht, wurde jedoch augenblicklich von einem triumphierenden Grinsen verdrängt. „Hab ich dich.“

Noch bevor Soleya sie erreichen konnte, sprang Mira mit einem übermütigen Kreischen hinter einem dicken Stamm hervor und rannte hopsend davon.

„Bleib stehen! Das ist unfair, ich hab dich gefunden!“, protestierte Soleya.

Mira bremste abrupt ab, drehte sich zu Soleya um, verschränkte die Arme und zog eine Schnute. „Das war bloß ein winziges Kichern.“

„Das hat gereicht.“

Mira streckte ihr die Zunge heraus. „Na gut … du hast gewonnen.“ Sie strich sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht und pustete sich eine zweite aus der Stirn. „Mama hat mir gestern ein neues Lied beigebracht“, sagte sie.

Soleya klatschte begeistert in die Hände. „Echt? Sing mal!“

Mira platzte fast vor Aufregung und wippte von einem Fuß auf den anderen. „Aber ich weiß den Anfang nicht mehr ganz.“ Sie runzelte angestrengt die Stirn und summte vor sich hin. „Mhm … mhm …“

Dann begann sie vorsichtig:

„… dreh dich fein … fang den Mond im Blütenschein …“

Sie hielt inne, sah zu Soleya hinüber und strahlte. „Da könnte doch dein Name rein!“

„Meiner?“

„Na klar!“ Mira holte tief Luft und versuchte es noch einmal. „Soleya, Soleya …“ Frustriert stampfte sie mit dem Fuß auf. „Das klingt überhaupt nicht schön.“

Soleya musste lachen.

„Dein Name ist viel zu lang.“ Mira legte den Kopf schief und dachte einen Moment nach. Dann begannen ihre Augen zu leuchten. „Ich hab’s! Wir machen aus Soleya einfach Lari! So hieß die kleine Schnecke, die ich letzten Sommer gefunden habe. Sie hat zwei Monate bei mir gewohnt und durfte sogar neben meinem Bett schlafen.“

Soleyas Begeisterung fiel augenblicklich in sich zusammen. Ihre Nase rümpfte sich, während sich ihre Lippen angewidert zusammenpressten, als hätte Mira ihr gerade vorgeschlagen, die Schnecke zu essen. „Mira! Du willst mich doch nicht ernsthaft nach deiner glitschigen, schleimigen Schnecke benennen!“

„Doch! Die war total süß und mochte mich ganz doll. Genau wie du.“ Noch bevor Soleya protestieren konnte, griff Mira nach ihren Händen und zog sie schwungvoll mit sich. Sie begann, sich im Kreis zu drehen, bis ihre dunklen Locken durch die Luft wirbelten und ihr schlichtes Kleid um ihre Beine tanzte. Mit freudestrahlenden Augen begann Mira zu singen:

​

​

​

 

„Lari, Lari, dreh dich fein,

fang den Mond im Blütenschein.

Lach dabei und tanz im Kreis,

bis der Morgen von dir weiß.“

​

​

​

 

Ihre gute Laune steckte Soleya an. Hand in Hand drehten sie sich über die Wiese, während die Blumen sich sanft im Wind wiegten und ihr ausgelassenes Lachen den Schlossgarten erfüllte. Keuchend ließen sie sich auf den Brunnenrand fallen. Das Wasser plätscherte leise, während sie versuchten, wieder zu Atem zu kommen. 

„Na, Lari?“ Mira ließ ihre Hand ins kühle Wasser gleiten, schöpfte eine kleine Handvoll und spritzte sie kichernd zu Soleya hinüber. „Ist meine kleine Schnecke ein bisschen durstig?“

„He!“, quietschte Soleya erschrocken. Sie wischte sich die Tropfen aus dem Gesicht, griff ebenfalls hinein und schleuderte Mira eine kalte Fontäne entgegen. „Pass bloß auf! Die kleine Schnecke schmeißt dich gleich in den Brunnen!“

Mira floh prustend vor Lachen und schüttelte sich. Feine Wassertropfen flogen aus ihren Locken, während sie sich die feuchten Hände am Kleid abwischte.

„Warte kurz! Ich hab eine Idee.“ Sie lief aufgeregt über die Wiese, pflückte hastig ein paar Blumen und band sie unbeholfen zu einem Sträußchen zusammen. „Die sind für Mama. Sie sagt, wenn ich größer bin, darf ich ihr bei der Wäsche helfen. Da ist immer so viel zu tun“, erklärte sie stolz und lächelte. „Aber noch lieber wäre ich später bei dir.“

„Dann wären wir für immer zusammen“, sagte Soleya begeistert und begann eine ihrer blonden Locken zu flechten. 

„Aber du solltest jetzt lieber zu deinem Vater gehen“, mahnte Mira und drückte das Sträußchen etwas fester an sich. „Du weißt, wie schnell Seine Majestät ungehalten wird und das ganze Schloss nach dir absuchen lässt. Du willst doch nicht schon wieder bestraft werden.“

Soleya verdrehte gespielt die Augen. „Ich weiß.“ Beim letzten Mal hatte sie im Stall die Zeit vergessen und war eine halbe Stunde zu spät zum gemeinsamen Abendessen erschienen. Diese kleine Verspätung hatte genügt, um ihr drei Tage in ihren Gemächern einzubringen. Drei endlose Tage, in denen ihr das Essen gebracht und selbst Mira nicht zu ihr gelassen worden war. Soleya erinnerte sich noch gut daran, wie sie am Fenster gesessen und den anderen Kindern unten im Garten beim Spielen zugesehen hatte.

Sie strich die geflochtene Strähne nach hinten, lehnte sich gegen eine Steinskulptur und wandte den Kopf der Sonne entgegen. „Geh schon mal vor. Ich komm gleich nach.“

„Na gut.“ Mira hob zum Abschied kurz die Hand, drehte sich um und folgte dem Pfad zurück zur großen Freitreppe.

Soleya blieb noch einen Augenblick sitzen. Das Summen der Bienen, das Rascheln der Lindenblätter und die friedlichen Geräusche des Gartens verbanden sich zu einer vertrauten Melodie.

Dann geschah etwas, das ihr noch viele Jahre lebhaft in Erinnerung bleiben sollte. 

Ein Windstoß fuhr durch die Kronen der alten Bäume, wirbelte Blätter durch den Garten und ließ einen einzelnen Vogel erschrocken aus dem Geäst auffliegen. Plötzlich schien das Sonnenlicht zwischen den Zweigen zu verblassen, und der Garten wurde seltsam still. Die Wärme wich aus der Luft, als hätte sich der Sommer selbst zurückgezogen.

Gänsehaut kroch über ihre Arme. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Etwas war anders. Ihr verunsicherter Blick wanderte über die Rosenhecken und blieb im dichten Blätterdach einer mächtigen Linde hängen.

Da. Eine Bewegung zwischen den Blättern. Nur ein Schatten. So flüchtig, dass sie glaubte, es sich nur eingebildet zu haben.

Sie hielt unwillkürlich den Atem an und kniff

die Augen fest zusammen. Als sie sie wieder öffnete, erstarrte sie.

 

Zwei silberne Augen.

Reglos.

Sie blickten direkt zu ihr.

Prolog

Es gibt Erinnerungen, die heller leuchten als jede Krone

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Die Melodie endet hier nicht.

Das vollständige Lied wartet

zwischen den Seiten

von KELVARA.

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