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Kapitel 1

In der Dämmerung

12 Jahre später.

Weravis glühte unter ihm.

Nicht hell, nicht freundlich, eher wie Feuer unter Asche, bereit, jederzeit wieder zu brennen. Nebel zog durch die schmalen Straßen, fing das matte Licht der Laternen ein und verwandelte es in flackernde Gestalten, die sich an Mauern und Pflaster klammerten. Gedämpfte Stimmen verloren sich zwischen den Häusern, während nur vereinzelt Menschen durch die Gassen eilten und die Köpfe gesenkt hielten.

Denn die Nacht gehörte nicht ihnen.

Nael Draven stand am Rand eines hohen Daches, die Stiefelspitzen nur wenige Zentimeter vom Abgrund entfernt. Der Wind strich kalt über seine Haut, fuhr durch sein dunkles Haar, ließ ihm ein paar widerspenstige Strähnen ins Gesicht fallen und glitt über seine ausgebreiteten Schwingen, deren schwarze Federn im schwachen Funkeln der Stadt seidig glänzten. Für andere mochten sie bedrohlich wirken, doch für ihn waren sie so selbstverständlich wie sein eigener Herzschlag. Unter dem Stoff seines schwarzen Shirts zeichneten sich die dunklen Linien seiner Tätowierungen ab, uralte Zeichen der Noctari-Dynastie, die sich von seiner Schulter über den Hals bis zu seiner Brust zogen und mehr waren als bloße Ornamente. Sie standen für Macht, Herkunft und Verpflichtung, für ein Erbe, das schwerer wog als jede Krone. Schönheit war bei den Noctari keine Frage des Geschmacks; sie war Gesetz, Ausdruck von Stärke und Rang. Seine Züge wirkten wie aus schwarzem Onyx geformt, perfekt, unnahbar und von einer Kälte, die ebenso natürlich war wie die Dunkelheit selbst.

 

 

 

 

 

Seine Jacke lag achtlos über dem niedrigen Mauervorsprung hinter ihm. Sie bestand aus geschmeidigem Leder, war präzise geschnitten und an den Nähten so gefertigt, dass sie seinen Schwingen Raum ließ, wenn er sie rief. Dabei war sie kein gewöhnliches Kleidungsstück, sondern dafür geschaffen, jede seiner Bewegungen mitzugehen, ohne ihn je einzuengen. Ihre tiefe Kapuze ließ sein Gesicht im Schatten verschwinden, wenn er die Jacke trug. Nur wenige hatten seine Züge bisher im Licht gesehen, und noch weniger erinnerten sich daran.

Hinter ihm löste sich ein Schatten lautlos vom Dachfirst. Es war nichts, was ein Mensch wahrgenommen hätte, eher ein Verdichten der Finsternis, das sich von der Umgebung abhob, ohne wirklich sichtbar zu werden. Etwas streifte seine Seite entlang, kühl, wachsam und vertraut, mehr Empfinden als Berührung, bevor es wieder mit den umliegenden Schatten verschmolz. 

Bleib nah.

Nael atmete langsam ein und ließ den Blick über die Häuser gleiten. Von hier oben wirkte alles kleiner, kontrollierbarer. Zumindest beinahe. Eine Stadt aus Stein, Rauch und Angst. Doch sie schlief nie wirklich.

Tief unter den Straßen schlummerte etwas Uraltes, in Stein geritzt und über Jahrzehnte erneuert, feine Linien, die sich wie ein verborgenes Netz durch Weravis zogen. Einzigartig in Kelvara. Manchmal hatte er das Gefühl, die Stadt duldete ihn nicht nur. Sie beobachtete ihn. Als würde etwas unter dem Pflaster lauern und nur darauf warten, dass er einen Fehler beging. Selbst hier oben spürte er den Widerstand wie einen kühlen Druck auf der Haut, kaum mehr als ein Flüstern, solange er seine Macht ruhen ließ.

Unter ihm flüchtete ein Mann in eine Seitengasse, als ein Noctari mit angelegten Schwingen lautlos durch die Gasse schlich. Die Straße leerte sich in Windeseile. Angst war in Weravis längst alltäglich geworden.

Was macht er so tief in der Stadt? Kaum ein Noctari setzte sich freiwillig den Bannlinien aus – nicht ohne Grund. Also entweder sehr verzweifelt … oder dumm.

Ein Luftzug kündigte eine zweite Präsenz an, noch bevor Schritte die Dachziegel berührten. Kasian landete neben ihm, leichtfüßig wie immer, und verschränkte die Arme. „Wenn du noch dramatischer da oben stehst“, sagte er trocken und lehnte sich an einen Schornstein, „fangen sie unten an, dich anzubeten.“

Naels Blick ruhte auf der Stadt, als hätte er die Bemerkung nicht gehört. Er ließ sich Zeit, bevor er antwortete. „Vielleicht sollten sie das.“

Kasian schnaubte leise. „Deine Bescheidenheit kennt heute mal wieder keine Grenzen.“

Nael hob lediglich eine Braue. „Immerhin mache ich niemandem etwas vor.“

Kasian breitete gespielt ergeben die Hände aus. „Nein. Du gibst dir nicht mal im Ansatz Mühe.“

„Und trotzdem rückst du mir seit Jahren nicht von der Pelle.“

Kasian stieß sich vom Schornstein ab. Mit dem rechten Fuß schob er einen losen Stein über die Dachziegel. „Jemand muss schließlich verhindern, dass du irgendwann tatsächlich glaubst, die Sterne würden sich nur deinetwegen zeigen.“

Ein leichtes Zucken huschte über Naels Mundwinkel. So flüchtig, dass man hätte glauben können, es sich nur eingebildet zu haben. „Tun sie das nicht?“

Eine Windböe fuhr durch Kasians Schwingen. Er strich eine gelöste Feder glatt und legte die Flügel etwas enger an den Rücken. Dabei entwich ihm ein trockenes Lachen. „Bei den Schatten, El. Bald stolzierst du herum wie ein Umbrake in der Paarungszeit.“ Der Spitzname klang vertraut, beinahe warm, ein leiser Kontrast zur Kälte der Nacht.

Gemeinsam beobachteten sie die engen Straßen von Weravis unter ihnen. Rauch stieg aus den Gruben im Westen auf und legte sich wie ein grauer Schleier über die Dächer der Stadt. Zwischen den ersten Marktständen erwachte träge das Leben, während sich über allem noch immer die Schwere der Nacht hielt.

„Die Transporte sind spät heute“, bemerkte Kasian und sah in die Ferne. Am Horizont zeichnete sich bereits der erste blasse Schimmer des Morgens ab. „Wir müssen bald aufbrechen.“

Nael ließ den südlichen Bezirk nicht aus den Augen. Über den Verarbeitungsstätten hing der scharfe Gestank selbst in der kühlen Morgenluft.

„Das heißt nicht, dass sie weniger fördern.“ Kein Hauch von Emotion lag in seiner Stimme. Doch der harte Zug um seinen Kiefer ließ keinen Zweifel daran, was er wirklich dachte.

Nach einer Weile murmelte Kasian: „Zu ruhig.“

Nael nickte kaum merklich, doch seine Sinne hatten sich bereits geweitet. Ein feines Ziehen lief durch ihn, kein Schmerz und keine eindeutige Warnung, sondern eher ein leises Drängen aus der Dunkelheit an seiner Seite, ein Instinkt, der selten irrte. Geräusche, die andere überhörten, formten sich für ihn zu einem Muster, das aus dem Takt geraten war.

Irgendwas stimmt hier nicht.

Dann hörte er es: einen hastigen Schritt, ein Stolpern, Atem, der zu schnell ging und panisch klang. Sein Blick wanderte nach links, tiefer in eine schmale Seitenstraße. Eine schlanke Gestalt bog um die Ecke, helles Haar, das selbst im trüben Laternenlicht auffiel. Sie bewegte sich viel zu hektisch.

Allein. In diesem Teil der Stadt ergab das keinen Sinn.

Kasian legte den Kopf leicht schief, als wäre das Schauspiel unter ihnen nichts weiter als belanglose Unterhaltung. „Ach, guck mal. Sie rennt.“

Naels Augen verengten sich. „Sie wird gejagt.“

Fünf Männer brachen hinter ihr aus den Schatten hervor.

Nael trat noch näher an die Dachkante, während sich seine Schwingen beinahe unmerklich weiter aufspannten. Von hier oben erkannte er sofort, dass der schmale Durchgang in einer Sackgasse endete. Hohe Mauern schnitten jeden Fluchtweg ab.

„Das könnte unschön enden“, verkündete Kasian sachlich.

Naels Aufmerksamkeit wich keinen Herzschlag von der Gasse.

Die Männer schlossen rasch auf. Einer packte ihren Arm, doch noch bevor seine Finger festen Halt fanden, riss sie sich los. Mit einer fließenden Bewegung drehte sie sich aus seinem Griff, schnell, überraschend präzise, nicht wie jemand, der in Panik handelte, sondern wie jemand, der wusste, was er tat.

Ein zweiter trat ihr in den Weg und versperrte ihr grinsend den Durchgang.

„Na, na … wohin so eilig, Kleine?“

Ohne zu zögern holte sie aus. Ihre Faust traf ihn mit voller Wucht im Gesicht. Sein Kopf ruckte zur Seite. Schmerz zeichnete sich in ihren Zügen ab, während sie die Hand ausschüttelte. Als er sich wieder aufrichtete, quoll bereits Blut aus seiner Nase.

„Du Biest!“, zischte er und tastete nach seiner Nase. Als seine Finger blutig zurückblieben, verzerrte sich sein Gesicht vor Wut.

„Feurig“, sagte ein anderer mit einem bewundernden Nicken. „Für dich nehmen wir uns noch ein bisschen Zeit. Oder, Jungs?“ Ein schmutziges Lachen ging durch die Gruppe.

„Am Ende stirbst du sowieso“, knurrte der Mann mit der blutenden Nase und trat erneut auf sie zu.

Naels Miene verhärtete sich. Dieses eine Wort blieb hängen.

Stirbst? Was zur Hölle …

Unten wurde sie mit voller Wucht gegen die Steinmauer gestoßen. Dumpf hallte der Aufprall zwischen den hohen Mauern wider. Grobe Hände zerrten an ihr, Stoff riss. Doch sie wehrte sich weiter, kratzte, trat, kämpfte mit einer Entschlossenheit, die ebenso mutig wie aussichtslos war. Eine einzelne Locke ihres langen, blonden Haares hing feucht an ihrer Schläfe.

„Nehmt eure Hände von mir“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Ein untersetzter Mann mit schiefen, gelblichen Zähnen verneigte sich übertrieben vor ihr. „Hört, hört … wie vornehm sie spricht.“

„Der Auftrag ist klar“, stellte der Anführer der Männer fest. „Aber gegen ein bisschen Spaß wird er schon nichts haben.“

Er?

Ein breitschultriger Kerl grinste zustimmend.

Kasian beugte sich ein Stück nach vorn, als wollte er keine Einzelheit verpassen. „Tja … sieht aus, als hätte sie sich mit dem Falschen angelegt.“

Nael nahm Kasians Worte kaum noch wahr. Seine Sinne weiteten sich, und die Emotionen aus der Gasse trafen ihn wie kalter Regen: Angst, Wut, Verzweiflung und noch etwas anderes.

Sie flehte nicht. Kämpfte weiter gegen jede Vernunft. Trotz glomm in ihr wie ein Funke, der sich weigerte zu verlöschen, und für einen flüchtigen Herzschlag schien selbst die Dunkelheit innezuhalten.

So unvernünftig, dachte Nael abschätzig. Und trotzdem konnte er den Blick nicht von ihr abwenden.

Einer der Männer holte zum Schlag aus.

Etwas Dunkles zog sich in Naels Brust zusammen. Silber und Schatten verschmolzen in seinen Augen zu einer einzigen, unergründlichen Tiefe. Der Wind fuhr scharf durch seine Federn, als sich seine Schwingen zur vollen Größe entfalteten.

„Dein Problem?“ Kasian hob die Brauen. „El … du weißt, was passiert, wenn du das tust.“

Nael kannte die Antwort. Die alten Siegel unter Weravis würden reagieren, wenn er eingriff. Und doch blieb sein Blick auf ihr liegen. Auf dem Blut an ihrer Schläfe. Auf ihrem Rücken, der gegen den kalten Stein gepresst wurde. Auf ihren Augen, die kein Flehen kannten – nur Widerstand.

Das reichte. Und er hasste, dass es das tat.

Seine Muskeln spannten sich. Die Finsternis um ihn herum zog sich enger zusammen, lautlos und gewaltig, während unter seiner Haut die Tätowierungen zu kribbeln begannen, als hätten sie längst gewusst, wie er sich entscheiden würde.

„Jetzt schon“, sagte er kalt.

 

Dann ließ er sich fallen.

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