Kapitel 1
Der Anfang von allem

12 Jahre später.
Weravis glühte unter ihm.
Nicht hell, nicht freundlich, eher wie Feuer, gefangen unter Asche, bereit, jederzeit wieder zu brennen. Nebel zog durch die schmalen Straßen, fing das matte Licht der Laternen ein und verwandelte es in flackernde Gestalten, die sich an Mauern und Pflaster klammerten. Gedämpfte Stimmen verloren sich zwischen den Häusern, während nur vereinzelt Menschen durch die Stadt eilten und die Köpfe gesenkt hielten.
Denn die Nacht gehörte nicht ihnen.
Nael Draven stand am Rand eines hohen Daches, die Stiefelspitzen nur wenige Zentimeter vom Abgrund entfernt. Kühler Wind fuhr durch sein schwarzes Haar, ließ ihm ein paar widerspenstige Strähnen ins Gesicht fallen und spielte mit den Federn seiner angelegten Schwingen, die im schwachen Licht der Sterne wie Seide glänzten. Er atmete langsam ein und ließ den Blick über die Häuser gleiten. Von hier oben wirkte alles kleiner, kontrollierbarer. Zumindest beinahe.
Weravis – eine Stadt aus Stein, Rauch und verborgener Angst. Doch sie schlief nie wirklich.
Tief unter den Straßen schlummerte etwas Uraltes, in Stein geritzt, ein Geflecht, das sich durch den Untergrund erstreckte. Einzigartig in Kelvara. Manchmal hatte er das Gefühl, die Stadt duldete ihn nicht nur, sie beobachtete ihn, als würde etwas unter dem Pflaster lauern und nur darauf warten, dass er einen Fehler beging. Selbst hier oben spürte er den Widerstand wie einen Druck auf der Haut, kaum mehr als ein Flüstern, solange er seine Macht ruhen ließ.
Unter ihm flüchtete ein Mann in einen Hauseingang, als ein Noctari schwerfällig durch die Gasse ging. Die Straße leerte sich in Windeseile. Furcht war in Weravis längst alltäglich geworden.
Was macht er so tief in der Stadt?
Kaum einer der Seinen setzte sich freiwillig den Bannlinien aus – nicht ohne Grund. Sie waren geschaffen worden, um Wesen wie ihn aufzuhalten.
Also entweder sehr verzweifelt … oder dumm.
Hinter ihm löste sich ein Schatten lautlos vom Dachfirst. Es war nichts, was ein Mensch wahrgenommen hätte, eher ein Verdichten der Finsternis, das sich von der Umgebung abhob, ohne wirklich sichtbar zu werden. Nael spürte seine vertraute Präsenz, noch bevor etwas seine Seite entlangstrich, kühl und wachsam, mehr Empfinden als Berührung, und wieder mit den umliegenden Schatten verschmolz.
Bleib nah.
Aus einem der Häuser unter ihm drang das Weinen eines Säuglings herauf. Naels Aufmerksamkeit wanderte zu einem schwach erleuchteten Fenster. Dahinter beugte sich eine Frau über die Wiege, nahm das Kind heraus und wiegte es an ihrer Brust, bis das Weinen allmählich einem leisen Glucksen wich.
Babys sind laut, anspruchsvoll und erstaunlich schlecht darin, sich selbst am Leben zu erhalten.
Was Menschen an dem Gedanken fanden, möglichst viele davon in die Welt zu setzen, hatte er nie verstanden. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und atmete leise durch.
Trotzdem wären ein paar mehr davon inzwischen nicht schlecht.
Ein Luftzug strich über das Dach, noch bevor Stiefel die Ziegel berührten. Kasian landete leichtfüßig neben ihm und verschränkte die Arme. „Wenn du noch dramatischer hier oben stehst“, sagte er trocken und lehnte sich an einen Schornstein, „fangen sie da unten an, dich anzubeten.“
Naels Blick ruhte unverwandt auf der Stadt, als hätte er die Bemerkung nicht gehört. Er ließ sich Zeit, bevor er antwortete. „Vielleicht sollten sie das.“
Kasian schnaubte leise. „Ich sehe sie schon bildlich vor mir. Deine Ahnenstatue in Noxaris… selbstverständlich größer als alle anderen.“
Nael hob lediglich eine Braue. „Das Ego meines Vaters würde das niemals zulassen.“
„Stimmt auch wieder.“ Kasian breitete gespielt ergeben die Hände aus. „Dann eben gleich groß. Deine Kronjuwelen können wir ja heimlich mit ein paar Diamanten verzieren.“
„Als hätte ich das nötig.“
Kasian stieß sich vom Schornstein ab. Mit dem rechten Fuß schob er einen losen Stein über die Dachziegel. „Die eine oder andere Dame, die heimlich dein Schlafzimmer verlassen hat, würde das vermutlich anders sehen.“
„Neid steht dir nicht, Kas.“ Ein leichtes Zucken spielte um Naels Mundwinkel. So flüchtig, dass man hätte glauben können, es sich nur eingebildet zu haben.
Eine Windböe fuhr durch Kasians Schwingen. Er strich eine gelöste braune Feder glatt und legte die Flügel etwas enger an den Rücken. Dabei entwich ihm ein trockenes Lachen. „Bei den Schatten, El. Bald stolzierst du herum wie ein Umbrake in der Paarungszeit.“ Der Spitzname klang vertraut, beinahe warm, ein leiser Kontrast zur Kälte der Nacht.
Für einige Zeit widmeten sie sich wieder der Stadt. Zumindest Nael tat es. Das unangenehm hartnäckige Gefühl an seiner linken Gesichtshälfte verriet ihm irgendwann, dass Kasian offenbar eine andere Beschäftigung gefunden hatte. Der Idiot starrte ihn tatsächlich an. „Was gibt’s hier zu glotzen?“
„Du warst schon lange nicht mehr in den Tiefen.“
„Überwachst du mich etwa? Kümmer dich gefälligst um deinen eigenen Dreck.“
Erster Rauch stieg bereits aus den Gruben im Westen auf und legte sich wie ein grauer Schleier über die windschiefen Bretterbauten des Grubendorfs. Innerhalb der Stadtmauern war davon kaum etwas zu bemerken. Träge erwachte das Leben zwischen den Marktständen, während sich über allem noch immer die Schwere der Nacht hielt.
„Schon gut. Reg dich ab.“ Kasian hob die Hände und sah wieder in die Ferne. „Die Transporte sind spät heute.“ Am Horizont begann die Nacht bereits auszubleichen. Ein fahler Streifen schob sich zwischen Himmel und Erde und fraß sich langsam in die Dunkelheit. „Wir müssen bald los.“
Nael ließ den südlichen Bezirk nicht aus den Augen. Über den Verarbeitungsstätten hing der scharfe Gestank selbst in der kühlen Morgenluft. „Das bedeutet nicht, dass sie weniger fördern.“ Kein Hauch von Emotion lag in seiner Stimme. Doch der harte Zug um seinen Kiefer ließ keinen Zweifel daran, was er wirklich dachte.
Wären die Menschen bloß nicht so auf dieses verdammte Zeug angewiesen. Dann hätte ich längst dafür gesorgt, dass kein einziger Brocken Aetheras je wieder das Licht der Welt erblickt.
„Verdächtig ruhig heute.“ Kasian klang gelangweilt genug, um sich darüber zu beschweren, und skeptisch genug, es ernst zu meinen. „Wo stecken eigentlich die ganzen Patrouillen?“
Nael nickte kaum merklich, während sich seine Haltung veränderte. Ein sanftes Ziehen lief durch ihn, kein Schmerz und keine eindeutige Warnung, sondern eher ein leises Drängen aus der Dunkelheit an seiner Seite, ein Instinkt, der selten irrte. Geräusche, die andere überhörten, formten sich für ihn zu einem Muster, das aus dem Takt geraten war.
Irgendwas stimmt hier nicht.
Dann hörte er es: hastige Schritte, ein Stolpern, Atem, der zu schnell ging, und panisch klang. Sein Blick wanderte nach links in eine nur schwach beleuchtete Seitenstraße. Die Gasse unter ihnen spuckte eine junge Frau aus. Sie stolperte um die Ecke, fing sich im Lauf wieder und rannte weiter, während ihr blondes Haar wild hinter ihr herschlug. Zwischen all dem Schmutz wirkte sie wie Gold im Dreck.
Allein? Ausgerechnet in diesem zwielichtigen Teil der Stadt.
„Na endlich. Ich dachte schon, heute passiert gar nichts mehr.“ Kasian legte den Kopf schief, als wäre das Schauspiel unter ihnen nichts weiter als belanglose Unterhaltung. „Ach, guck mal, wie sie rennt.“
Das Silber seiner Augen wurde kalt wie Metall im Nachtwind. „Scheinbar nicht freiwillig.“
Schritte donnerten durch die Gasse. Ihr Echo prallte von den massiven Ziegelmauern zurück, bis die Schritte von überallher zu kommen schienen. Fünf Männer stürmten hinter ihr um die Ecke, ihre dunklen Gestalten unterschiedlich groß und breit. Einer rief den anderen etwas zu, dann beschleunigten sie. Ihre Stiefel schlugen hart auf den trockenen Boden und wirbelten Staub hinter ihnen auf. „Schneller! Sie darf uns nicht entkommen!“
Nael trat noch näher an die Dachkante, während sich seine Schwingen ein Stück aufspannten. Von hier oben erkannte er sofort, dass sie geradewegs in eine Sackgasse lief. An deren Ende nahmen hohe Mauern ihr genau das, was sie jetzt am dringendsten brauchte: einen Ausweg.
„Das könnte unschön enden“, verkündete Kasian und pulte sich mit dem Fingernagel etwas zwischen den Zähnen hervor.
Naels Aufmerksamkeit wich keinen Herzschlag von dem Geschehen unter ihm. Wie gebannt verfolgte er die Szene, die sich vor ihm entwickelte.
Das hier sollte mich eigentlich einen Scheiß interessieren.
Die Männer holten sie etwa auf halber Höhe ein. Zu beiden Seiten ragten hohe Steinmauern auf. Fässer und grob gezimmerte Kisten stapelten sich davor, dazwischen lagen zerbrochene Bretter und ausrangierter Unrat. Vereinzelte Mauervorsprünge und dunkle Nischen durchbrachen die geraden Fassaden. Innerhalb weniger Sekunden verteilten sich die Männer um sie herum. Zwei von ihnen bauten sich vor ihr auf, während die anderen hinter ihr einen Halbkreis bildeten.
Einer packte ihren Arm, doch noch bevor seine Finger festen Halt fanden, riss sie sich los. Mit einer fließenden Bewegung drehte sie sich aus seinem Griff, schnell, überraschend präzise, nicht wie jemand, der in Panik handelte, sondern wie jemand, der wusste, was er tat. „Was zum …?“
Ein zweiter stellte sich ihr grinsend in den Weg. Kaum eine Armlänge trennte die beiden. „Na, na … wohin so eilig, Kleine?“
Ohne zu zögern holte sie aus. Ihre Faust traf ihn mit voller Wucht im Gesicht. Sein Kopf ruckte zur Seite. Schmerz zeichnete sich in ihren Zügen ab, während sie die Hand ausschüttelte. Als er sich ihr wieder zuwandte, quoll bereits Blut aus seiner Nase.
„Du Biest!“, zischte er und tastete nach seiner Verletzung. Als seine Finger blutig zurückblieben, verzerrte sich sein Gesicht vor Wut.
„Egor, ich glaube, die Kleine hat noch nicht verstanden, wie man sich uns gegenüber zu benehmen hat.“ Einer der Männer bedachte ihn mit einem spöttischen Grinsen. „Vielleicht sollten wir uns ein bisschen mehr Zeit nehmen, ihr Manieren beizubringen. Oder, Jungs?“
„Jarek hat recht.“ Ein schmutziges Lachen ging durch die Gruppe.
„Am Ende stirbst du sowieso“, knurrte Egor und ging wieder auf sie los.
Aus dem ganzen Durcheinander vor ihm löste sich ein einziges Wort und blieb hängen. Naels Züge verdunkelten sich, als hätte es etwas in ihm berührt, das besser ungestört geblieben wäre.
Stirbst? Was zur Hölle …
Unten wurde sie mit voller Wucht gegen die Steinmauer gestoßen. Mit der Schulter krachte sie gegen einen Stapel Holzkisten neben sich, die polternd aufs Pflaster fielen. Grobe Hände zerrten an ihr, Stoff riss. Doch sie wehrte sich weiter, kratzte, trat um sich, kämpfte mit einer Entschlossenheit, die ebenso mutig wie aussichtslos war. Eine einzelne Locke ihres langen, blonden Haares hing feucht an ihrer Schläfe.
„Nehmt eure Hände von mir“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Ein untersetzter Mann mit schiefen, gelblichen Zähnen verneigte sich übertrieben vor ihr. „Hört, hört … wie vornehm sie spricht.“
„Der Auftrag ist klar“, stellte der Anführer der Männer fest und entzündete sich eine Zigarre. „Aber gegen ein bisschen Spaß wird er schon nichts haben.“
Er?
Ein breitschultriger Kerl grinste zustimmend und griff sich demonstrativ in den Schritt.
Kasian beugte sich ein Stück nach vorn, als wollte er keine Einzelheit verpassen. „Tja … sieht aus, als hätte sie sich mit dem Falschen angelegt.“
Nael nahm Kasians Worte kaum noch wahr. Seine Sinne weiteten sich und die Emotionen aus der Gasse trafen ihn wie kalter Regen: Angst, Wut, Verzweiflung und noch etwas anderes.
Sie flehte nicht. Kämpfte weiter gegen jede Vernunft. Trotz glomm in ihr wie ein Funke, der sich weigerte zu verlöschen.
So unvernünftig, dachte Nael abschätzig. Und trotzdem faszinierte ihn etwas an ihr, das er nicht verstand.
Einer ihrer Angreifer holte zum Schlag aus.
Etwas Dunkles zog sich in Naels Brust zusammen. Silber und Schatten verschmolzen in seinen Augen zu einer einzigen, unergründlichen Tiefe. Der Wind fuhr scharf durch seine Federn, als sich seine Schwingen zur vollen Größe entfalteten. Für andere mochten sie bedrohlich wirken, doch für ihn waren sie so selbstverständlich wie sein eigener Herzschlag, der nun wie Kriegstrommeln in einem stetigen Rhythmus durch seinen Körper dröhnte.
„Dein Problem?“ Kasian hob die Brauen. „El … du weißt, was passiert, wenn du das tust.“
Nael kannte die Antwort. Die alten Siegel unter Weravis würden reagieren, wenn er eingriff. Und doch blieb sein Blick auf ihr liegen. Auf dem zerrissenen Stoff ihres Kleides, der ihre Schulter und einen Teil ihres Oberkörpers entblößte, auf ihren Armen, mit denen sie sich noch immer gegen die Männer wehrte und schließlich auf ihren Augen, die kein Flehen kannten – nur Widerstand.
Das reichte. Und er hasste, dass es das tat.
Etwas in seinem Körper schaltete um. Seine Haltung straffte sich und seine Muskeln spannten sich an. Die Finsternis um ihn herum zog sich enger zusammen, lautlos und gewaltig, während unter seiner Haut die Runen zu kribbeln begannen, als hätten sie längst gewusst, wie er sich entscheiden würde.
„Jetzt schon“, sagte er kalt.
Dann ließ er sich fallen.




